23.02.2026: Der große Frust - Die Philosophin Corine Pelluchon sucht nach Wegen aus den aktuellen Krisen

1. Begrüßung und Einführung (Karlheinz Rauch)

Herzlich willkommen an diesem Morgen zum Politischen Gesprächskreis. Normalerweise beschäftigen wir uns hier mit sehr konkreten politischen Fragen: Wir analysieren Wahlergebnisse, diskutieren mit der Baubürgermeisterin über Stadtentwicklung, sprechen mit dem Seniorenrat über altersgerechtes Bauen, nehmen Wahlprogramme der Parteien unter die Lupe oder blicken auf die USA und die Gefahren für die Demokratie. Kurz gesagt: Wir sind nah dran an der politischen Praxis und konkreten Themen.

Heute betreten wir gewissermaßen ein etwas anderes Terrain. Unser heutiger Referent Meinrad Kreuzberger stellt uns die französische Philosophin Corine Pelluchon vor – eine Denkerin, die sich mit den grundlegenden Fragen unseres Zusammenlebens beschäftigt.

Was sie von vielen Philosophen unterscheidet: Sie bleibt nicht im Elfenbeinturm. Sie mischt sich ein – in Debatten über Tierschutz, Klimapolitik, Demokratie und die Frage, wie wir in einer zerstrittenen Gesellschaft überhaupt noch miteinander leben können. So ist sie auch in Frankreich bekannt.

In der Vorbereitung auf den heutigen Gesprächskreis habe ich mich gefragt, ob ein philosophischer Denkansatz vielleicht zu abstrakt geraten könnte. Wir sind es gewohnt, über konkrete politische Maßnahmen, Zuständigkeiten und Tatsachen zu sprechen – nicht unbedingt über philosophische Grundbegriffe.

Doch liegt darin vielleicht eine Chance, Themen grundlegender zu beleuchten? Politische Entscheidungen beruhen stets auf grundlegenden Vorstellungen von einem guten Leben, von Gerechtigkeit und gegenseitiger Verantwortung. Philosophie ist in diesem Sinne kein Gegensatz zur Politik, sondern ihr Fundament. Sie liefert Begriffe, mit denen wir überhaupt erst bewerten und entscheiden.

So können wir auch an den heutigen Vortrag herangehen: Pelluchon ist keine Ideologin. Sie sucht keine Revolution, sondern eine Erneuerung der politischen Kultur – durch veränderte Gewohnheiten, durch mehr Aufmerksamkeit für das, was wir teilen, und durch eine Politik, die das Überleben der natürlichen Grundlagen ernst nimmt.

Das macht sie zu einer ungewöhnlichen und wertvollen Stimme in der heutigen Debatte. Pelluchon stellt eine Frage, die uns alle angeht: Warum ist unsere Demokratie so erschöpft? Warum wählen Menschen populistische Parteien? Warum streiten wir uns so verbissen, ohne uns zu verständigen? Pelluchon fasst ihr Denken selbst so zusammen: „Politik beginnt mit der Frage: Was lieben wir und was wollen wir schützen?”

Politik sollte also nicht als bloße Problemlösung gesehen werden, sondern als gemeinsames, grundsätzliches Nachdenken darüber: Wie wollen wir leben und mit wem?

Wir laden Sie ein, die heutige Veranstaltung als Erweiterung unseres gewohnten Blickwinkels zu verstehen: nicht weg von der Politik, sondern einen Schritt zurück – um klarer zu sehen, worauf sie eigentlich gründet. Lassen Sie uns also neugierig sein, kritisch nachfragen und gemeinsam ausloten, was diese philosophischen Impulse für unsere ganz konkreten politischen Diskussionen bedeuten können. Ich freue mich auf den Vortrag und die anschließende Diskussion.

 

2. Impuls (Meinrad Kreuzberger)

2.1 Die „verirrte“ Aufklärung

Bisweilen ist man schon erstaunt, was nicht so alles in unserem Land erforscht wird. Im letzten Jahr bin ich auf die Forschungen eines Professors für politische Psychologie an der Universität Bielefeld gestoßen. Er forschte über die Aggression gegen Bahnbedienstete! Im Jahr 2024 seien beinahe 3000 Angriffe gemeldet worden! Die Tendenz sei in den letzten Jahren steigend. Bemerkenswert dabei ist, dass die Täter aus allen gesellschaftlichen Gruppen kommen: Vom Manager bis zum Discogänger - eben ganz normale Menschen! Der Psychologe folgert aus seinen Forschungen, dass dies Symptome einer gestressten und frustrierten, gesellschaftlichen Grundstimmung seien. Kurz gesagt: „Die kollektive Zündschnur ist kürzer geworden!“ 

Dazu passt ein persönliches Erlebnis vom Dezember. Weil eine Kunde in der Bäckerei nicht genau das Brot bekommen konnte, das er im Sinn hatte, wurde er in erschreckender Weise gegenüber dem Verkäufer aggressiv! Der ganze Verkaufsraum stand unter Strom. Der Verkäufer meinte danach, dass er solche Situationen jede Woche erleben würde. 

Was ist los im Ländle, bzw. In der großen, weiten Welt? Ich meine, bei der französischen Philosophin Corine Pelluchon eine tiefergehende und überzeugende Erklärung für dieses oft diskutierte Phänomen gefunden zu haben. Pelluchon beginnt mit einem Paukenschlag, denn sie spricht nicht nur von einer „verengten“, sondern gar von einer „verirrten“ Aufklärung! Um Missverständnissen vorzubeugen: Als Professorin steht sie fest auf dem Boden der aufgeklärten Rationalität, aber sie begibt sich auf die Suche nach einer „neuen Aufklärung“, was heute mein Thema sein soll. 

Von Platon bis Hegel sei die Vernunft auf objektive Wahrheit bezogen gewesen. Ihrem Denken lag die Prämisse zugrunde, dass die menschliche Vernunft demselben Ursprung entstamme wie die Welt im Ganzen. Daraus wird der Anspruch der klassischen Metaphysik verständlich, die davon ausgeht, dass es dem philosophischen Nachdenken möglich ist zu ergründen, was „die Welt im Innersten zusammenhält!“ Mit größtem Nachdruck kommt diese Vision nochmals in der Romantik zum Ausdruck. Deren Protagonisten waren von der Idee beflügelt, sich mit der Weltseele zu verbinden zu können und nahezu darin berauscht zu werden: Die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort! Eine Welt, die uns heute recht fern gerückt zu sein scheint? 

Was ist seither geschehen? Frau Pelluchon beruft sich an diesem Punkt auf die Frankfurter Schule, insbesondere Adorno und Horkheimer. Neben dem Fokus auf Kritik und Emanzipation, habe die Aufklärung die Menschheit vor allem vom Schreckgespenst des Aberglaubens befreien wollen; und das auch ganz zurecht. Nur sei sie dabei übers Ziel hinausgeschossen. Die auf empirischer Forschung beruhende und auf technische Beherrschung abzielende Wissenschaft sei als sicherer Boden geblieben. Befördert durch den Siegeszug der Technik im 19. Jh. sei diese reduzierte Rationalität mit unwiderstehlicher Autorität versehen worden. 

Aber um welchen Preis? Mit Adorno und Horkheimer beklagt Pelluchon, dass wir in einer Welt der instrumentellen und funktionalen Vernunft lebten. Der Grundimpuls der modernen Wissenschaft ginge dahin, die Natur zu verstehen, um sie beherrschen zu können. Aber nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch und die Gesellschaft müssten in der Weise verstanden werden, dass die Systeme gesteuert und am Laufen gehalten werden könnten. 

Kommen wir zurück zu den schockierenden Szenen im Zug und der Bäckerei. Die instrumentellen Systeme hinterließen auf dem Grund der Seele eine Leere. Das technisch aufgeklärte Subjekt stehe quasi außerhalb der Welt und sei ein unbeteiligter Beobachter. Es habe sich aus der Welt, aus dem Leben sozusagen herausreflektiert! Die objektive und neutrale Position sei notwendig, um über die Welt verfügen, letztendlich konsumieren, zu können. Wo aber bleibt da der ganze Mensch mit Leib und Seele? So könne sich keine elementare, sozusagen „herzliche“ Verbindung zur Welt sich entwickeln. So ende die große Verheißung der Aufklärung schließlich in einer großen Leere und müsse dementsprechend zur Frustration führen. 

Viele Zeitgenossen, besonders die Privilegierten, könnten die Leere problemlos füllen, was sich im gut bestückten Terminkalender niederschlage. Konsum und Reisen böten lohnenswerten Stoff und Beschäftigung und für jeder freie Sekunde lockt die digitale Welt mit ihren Reizen. Aber die Ablenkung bleibt doch brüchig, sodass bisweilen auch der vielbeschäftigte Manager unvermittelt im Zug aus der Haut fährt. 

Ich wurde im letzten Jahr auf Corine Pelluchon aufmerksam, als sie anlässlich einer Preisverleihung in Tübingen die aktuelle Frustration als „kollektiven Narzissmus“ deutete! Abgeschnitten von Menschen und Natur zu sein, sich als ein Rädchen im unübersehbaren globalen Getriebe zu erleben, letztlich ohne Sinn und Ziel zu bleiben, könne wie eine tiefe Kränkung wirken! Die verdrängte Kränkung werde mit atemlosem Konsum kompensiert und die unvermeidliche Aggression auf Randgruppen oder Institutionen abgeladen. Stimmt man dieser Analyse zu, dann kann sich unser Bundeskanzler noch so sehr abstrampeln und einen Reformeifer ins Werk setzen, er wird immer die Zielscheibe einer tieferliegenden Frustration bleiben. Dem gekränkten Narzissten kann es ohnehin keiner recht machen! 

Vielleicht lässt sich nun die vermeintlich unwiderstehliche Anziehungskraft der populistischen Parteien besser verstehen? Auf der einen Seite kanalisieren sie den Frust der kollektiven Psyche und bieten auf der anderen Seite eine motivierende Vision, wenn auch fragwürdiger und destruktiver Natur. 

2.2 Vermessung des Körpers

Zur Veranschaulichung möchte ich noch eine konkrete Facette der instrumentellen Vernunft anführen: In Deutschland werden jährlich sechs Millionen Smartwatches und Fitnesstracker verkauft. Damit ist das Versprechen einer permanenten Überwachung und Kontrolle der Körperfunktionen verbunden. Die neue Generation der Geräte verspricht mit Sensoren, die in einen Ring oder ein Armband passen, nicht nur Herzfrequenz und Atmung, sondern auch Blutzuckerwerte zu bestimmen; und gar ein „Smartwatch-EKG“ soll möglich sein! Die Hersteller werben damit, dass die Werte mit KI ausgewertet und direkt an den Hausarzt übermittelt würden, der sich dann bei Bedarf beim Patienten melden kann! 

Wie soll diese neue Dimension der Früherkennung, bzw. die totale Funktionalisierung des Menschen bewertet werden? Der eigene Leib wird in den Status einer Maschine versetzt, die per Sensoren störungsfrei funktionieren soll. Ist dies eine schöne neue Welt, oder eher ein Schreckensszenario? Auf alle Fälle erleben wir, wie die instrumentelle Vernunft uns buchstäblich „auf die Pelle“ rückt! Hier warnt Pelluchon vor den Gefahren eines Transhumanisums, der ausgehend von der Gentechnik im Verbund mit digitaler Medizintechnik die menschliche Konstitution und Effizienz auf eine neue Stufe zu heben verspricht. Sie plädiert für einen umgekehrten Ansatz: Die körperlichen Grenzen, unsere Verletzlichkeit und Begrenztheit bis hin zum Tod, sind für sie wertvolle Erfahrungen, die den Menschen sensibilisieren und öffnen könnten. Gerade unser verletzlicher und abhängiger Leib böte einen Zugang zu neuer Empathie. 

2.3 Vom Verlust der Seele

Geprägt vom Menschenbild der griechischen Philosophie stand die Seele im Zentrum des Denkens uns Sinnens im christlichen Abendland, was sich bis heute in Bildern und der Sprache niederschlägt. So würde ich mich freuen, wenn Sie hier „mit Leib und Seele“ dabei wären! Der norwegische Kulturhistoriker Martin Hoystad nennt das Abendland „seelenfixiert“. Der Kirchenvater Augustinus wird mit seinen Bekenntnissen häufig als ein Vater Europas bezeichnet. Über Hunderte von Seiten steigt der Bischof aus dem afrikanischen Hippo in alle Nischen und Abgründe seines Herzens hinab. Mit dieser bemerkenswerten Selbstreflexion habe er den Weg für eine Verinnerlichung eröffnet, die über die Jahrhunderte Europa prägen sollte! 

Das Menschsein, oder soll man sagen das Drama des Menschen, spiele sich seither zwischen Himmel und Erde, zwischen Geist und Körper ab. Der Schauplatz des Fragens, Ringens und Strebens sei eben gerade der Raum der Seele gewesen. Eine Seele, die auf der einen Seite das innerste Selbst des Menschen dargestellt habe. Auf der anderen Seite hätte man aber immer auch gehofft, mit ihr Gott und die Ewigkeit zu berühren. 

In die Neuzeit sei dieses Konzept von Luther übermittelt worden, der als vormaliger Augustinermönch stark durch den Kirchenvater geprägt gewesen war. Die besondere Note bei Luther war dann sicherlich die Betonung der Gnade. Nur so sah er die Chance, aus den Irrungen und Wirrungen des Herzens gerettet zu werden. 

Blickt man auf diese Tradition zurück, so falle einem gleich der dramatische Bruch ins Auge, der sich seither vollzogen habe. Was soll die empirische und experimentelle Wissenschaft mit der Seele anfangen? So wie diese seit den Tagen Augustins konzipiert war, spielt sich alles Wesentliche im inneren Erleben ab, das eben nicht unmittelbar beobachtet und vermessen werden könne. 

Einmal mehr habe auch der Philosoph Immanuel Kant die neue Sicht der Dinge auf den Punkt gebracht. Denken ohne Wahrnehmung ist leer! Auf unser Thema zugespitzt: Die Seele ist leer! Wie der Begriff Gottes, und der Unsterblichkeit, sei auch die Seele ein „Fehlschluss“ einer unkritischen Vernunft! Kant habe das „Ich“ zu einem rein formalen Punkt abgeschmolzen; man könnte sagen, zu einer Schnittstelle, wo die sinnliche Wahrnehmung mit den angeborenen Mechanismen des Geistes verarbeitet werden. 

Man kann mit gutem Recht die Romantik im Kern als einen Proteststurm gegen die Rationalisierung der Aufklärung verstehen. Seit Rousseau wurde in immer neuen Wellen gegen die Verarmung des Menschenbildes rebelliert. Ganz gegen die nüchterne und strenge Vernunft Immanuel Kants wollen sie gerade die großen Gefühle, Liebe und Leidenschaft zum Ausdruck bringen. Caspar David Friedrich hat es treffend auf den Punkt gebracht: Es gehe dem Künstler nicht um die Abbildung der Natur. Seine Aufgabe sei es, „seine Seele und seine Empfindungen widerzuspiegeln“. 

So fragt sich auch Frau Pelluchon, was seit den Tagen der Aufklärung aus dem „Ich“ geworden sei? Etwas vereinfacht würde ich formulieren, dass das „Ich“ auf einem Stützpunkt reduziert wurde, von dem aus die Welt der Objekte erforscht und beherrscht werden können. Freilich bleibt dieser „Ich-Punkt“ ohne ein eigenes Wesen, ohne spezifischen Gehalt. 

Man mag sich an dieser Stelle verwundert die Augen reiben. Hat denn die Psychologie nicht in den letzten Jahrzehnten eine außergewöhnliche Expansion erfahren und hohes Ansehen in der Öffentlichkeit gewonnen? Erleben wir nicht eine unübersehbare Angebotsfülle an Therapien, Selbsterfahrungen und Ähnlichem? 

Dazu möchte ich Folgendes entgegnen: Von Beginn der modernen wissenschaftlichen Psychologie wird dieser entgegengehalten eine „Psychologie ohne Seele zu sein!“ So kam Sigmund Freud von der Medizin her uns spricht vom „Seelenapparat“, worunter er eben einen Mechanismus versteht, auf den spannungsreiche Kräfte wirken. Der Psychologe muss sich dann sozusagen um die Reduzierung der Spannung, um die Behebung einer Störung bemühen. Auf derselben Linie agiert der Behaviorismus. Weil Bewusstsein und Emotionen zu vage und kaum greifbar sind, verlegt die Forschung sich auf objektiv beobachtbares Verhalten. Die Therapie versteht sich als Regulierung des Verhaltens. Die unübersehbare Vielfalt an Angeboten zu Beratung und Lebenshilfe könnte doch eine Reaktion auf die Reduktion im Menschenbild der professionellen Psychologie darstellen? 

Vor einigen Jahren bin ich auf das schöne Buch von Michael Tischinger gestoßen, Chefarzt einer psychosomatischen Klinik in Oberstdorf. Unter dem Titel „Auf die Seele hören“ bemüht er sich dem Verlust der Seele entgegenzuwirken. Er muss es wohl häufig mit gestressten Patienten zu tun haben. Aber Stress stellt für den erfahren Therapeuten lediglich ein Oberflächensymptom dar, mit dem die tieferliegenden Ursachen in der Seele überdeckt würden. Die Heilung könne nur gelingen, wenn die vom Stress Getriebenen lernen, wieder auf ihre Seele zu achten. Tischinger verspricht seinen Lesern und Leserinnen ein „beseeltes Leben“! Nur - was versteht er darunter? Es ist faszinierend, dass er im Grunde die lange abendländische Tradition der Seele wiederbeleben möchte. Das Wesentliche spiele sich im Raum der Seele ab, wo wir einen Kompass für ein stimmiges Leben finden könnten. Kurzgefasst: In der Seele liegt die Wahrheit; womit wir wieder bei Augustin angelangt wären! Mir scheint, dass ich eine alte Wahrheit von Sebastian Kneipp nicht übergehen darf, die Tischinger mehrmals in Erinnerung ruft: „Willst Du ein langes Leben, so musst Du als erstes auf Deine Seele achten!“ 

2.4. Verzweiflung und Hoffnung

In Pelluchons Buch über die Hoffnung „als Durchquerung des Unmöglichen“ lässt ein Kapitel aufhorchen, das von einem „Volk, das keine Hoffnung mehr hat“, handelt. Die eigentliche Ursache des gegenwärtigen Krisengefühls deutet sie nicht als eine Abwendung von inkompetenten Regierungen, sondern im Fehlen eines gemeinsamen Zukunftshorizontes. Hinter allem Aktionismus und allem privaten und medialen Trubel lauere eine Leere, die zum Überdruss führe. 

Der Erfolg populistischer Parteien speise sich daraus, dass diese mit einfachen Parolen eine vermeintliche Zukunftsvision zu bieten hätten. Wie man es aus der Geschichte zur Genüge kennt, schaffen es diese Politiker, auf emotionaler Ebene den Frust und die Sehnsucht der Zeitgenossen anzusprechen. So wird auch verständlich, dass der Anziehungskraft dieser Parteien mit den klassischen Mitteln der Politik kaum beizukommen ist. 

Pelluchon drückt sich nicht vor der Herkulesaufgabe, wie in einem Volk als Ganzem, ein neuer Hoffnungshorizont erweckt werden könnte. Ich meine es erleichtert den Zugang, wenn wir hier auf der individuellen Ebene ansetzen. Es hat mich berührt, wie Pelluchon gleich in der Einleitung von ihren persönlichen Erfahrungen mit Depressionen berichtet hat. Da hört man dann genauer hin, wenn sie nach neuer Hoffnung Ausschau hält! Mit phänomenologischer Prägung vermag sie den Zustand der Verzweiflung dem Leser nahe zu bringen. Verzweiflung könne dem Gefangensein in einem Käfig verglichen werden, wo die Außenwelt nicht mehr eindringen könne. Allerdings liege das Spezifikum menschlicher Verzweiflung darin, dass ein Mensch sich selbst abschließe und zum Gefangenen seiner Vorstellungen, gar Wahnvorstellungen werde. Der Depressive verzweifle letztendlich an sich selbst. Er lehnt sein Selbst ab. Die Tragödie steigere sich gar noch zur „Trotz-Variante“ der Verzweiflung. Der Trotzige lege sich mit Gott und der Welt an, weil seine Phantasien eines grandiosen Selbst nicht erwidert würden. 

Pelluchon betont wiederholt, dass Hoffnung im philosophischen Sinne nicht mit Optimismus, einem billigen Trostpflaster, verwechselt werden dürfe. Hoffnung entspringt für sie stets aus dem Durchleben der Verzweiflung. Sie zitiert die Geschichte eines suizidalen Menschen, der in den Wald geht, um sich zu erhängen. Als ihm ein Wiesel über den Weg läuft, das erste Mal in seinem Leben, gibt ihm dies den Anstoß, zurück ins Leben zu finden! 

Diese Erzählung will sagen, dass es eine Öffnung im Käfig geben könne. Durch die Verbindung zum Lebendigen, durch das Angerühtsein mit dem Faszinosum des Lebens, tue sich wieder eine Perspektive auf. Pelluchon nennt Hoffnung einen „Sprung kraft des Absurden!“ Hoffnung sei nicht programmierbar, sondern eine sanfte Macht, die der Ohnmacht entspringe. Vom unscheinbaren Wiesel zur Macht des Lebendigen. Pelluchon hegt ein tiefes Vertrauen ins Leben. Wem es gelinge, wieder mit dem Leben in Verbindung zu kommen, schöpfe neue Hoffnung! 

Nun bleibt die spannende Frage, wie sie diesen Sprung aufs Kollektiv übertragen möchte. Der persönlichen Verzweiflung entspricht im großen Maßstab das Scheitern alter gesellschaftlicher Horizonte. Für die Franzosen beispielsweise der Glanz einer Grande Nation oder das Ende der unbegrenzten Möglichkeiten und des endlosen technischen Fortschritts. 

Pelluchon will bewusst keine spektakuläre Bewegung, gar eine Revolution dagegenhalten. Sie vertraut darauf, dass die Menschheit ein neues Zukunftsmodell entfalten kann. Sie hofft auf einen Wandel, der unscheinbar von der Basis herkommt.  Die Menschen würden verstehen, dass sie nicht gegen die Natur und gegen die Mitmenschen leben können. Dabei darf man sie aber nicht für naiv halten. Sie rechnet in aller Klarheit mit Rückschlägen durch Kriege, Katastrophen und autoritäre Regierungen. Man mag sie belächeln oder bewundern, denn sie scheint in der Tat davon überzeugt zu sein, dass im drohenden Kollaps die Chance einer „Heilung“ liege. 

2.5 Consideratio -Tugenden 

In ihrem Buch, das der Verlag unter dem Titel „Wertschätzung“ herausgegeben hat, begibt sich Corine Pelluchon auf die Suche nach Tugenden für unsere bedrängte Lage. Da wundert man sich zuerst, dass die Philosophin des 21.Jh. auf eine Schrift aus dem Hochmittelalter zurückgreift. Die Mahnschrift des Bernhard von Clairvaux an seinen einstigen Schüler, der inzwischen zu Papst Eugen III. gewählt worden war, durchzieht das Werk wie ein roter Faden! 

Man trifft da überraschenderweise auf einen gestressten Kirchenmanager der Tag und Nacht in Konflikte verwickelt ist! Bernhard hält ihm schonungslos den Spiegel vor: Wenn dir die  Bedrohung für Dein Herz nicht bewusst ist, dann ist es fast schon um Dich geschehen. Er alarmiert seinen Freund: Die größte Gefahr, gerade für den gestressten Menschen, sei ein „verhärtetes Herz“! Und wie ein Organ, das fühllos geworden sei, schon vom Absterben bedroht ist, so zeige sich das verhärtete Herz darin, dass man sich des schlimmen Zustandes nicht bewusst sei. Den Abt und Mystiker schaudert es vor einem Herzen, das von Bitterkeit erfüllt ist, ohne sich den Mitmenschen öffnen zu können. Sollte dieser Warnruf vor einem verhärteten Herz nicht auch uns heute noch zu Herzen gehen? 

Als Therapie empfiehlt Bernhard die „Consideratio“ (der Verlag übersetzt leider aus Marketinggründen mit „Wertschätzung“). Im lateinischen Ausdruck „Consideratio“ steckt das Wort „sidus“ - Gestirn. Wir sollten unser Inneres mit derselben Aufmerksamkeit und Ehrfurcht erforschen, wie ein Astronom den Gestirnen folgt! 

Nun aber zurück ins 21. Jh. Pelluchon zitiert bei der Diagnose unserer gegenwärtigen Malaise immer wieder Hannah Arendt. Jene große Philosophin sah hinter dem Schleier der demokratischen Gesellschaft durchaus Zeichen eines Totalitarismus. Die Ökonomie, das Marketing und Konsum durchzögen alle Lebensbereiche der modernen Gesellschaft. In unserer Zeit kommt dazu, dass die digitale Welt den Zugriff durch „das System“ dramatisch perfektioniert hat. Nach Arendt sind totalitäre Systeme vom Nihilismus begleitet, wenn nicht sogar verursacht. Eine Welt, in der die Individuen sich als hilflose Rädchen im Getriebe und verlassen in einer Massengesellschaft erlebten. „Verlassenheit“ meint aber weit mehr als nur Vereinzelung, denn diese sei gekoppelt mit dem Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit. (Entsubjektivierung) Ohne Horizont, ohne Sinn fliehen die Menschen in Zerstreuung und Konsum. Doch am Grunde aller noch gesteigerten Aktivitäten starre die Fratze der Sinnlosigkeit die Verlassenen an! 

Im Anschluss an Bernhard von Clairvaux schlägt Pelluchon einen Fächer an Tugenden auf, mit Hilfe derer sie der „Abkapselung“ zu entkommen hofft. Gänzlich unbeirrt beruft sie sich auf vermeintlich verstaubte Tugenden, wie die Demut. Diese fungiert als das Fundament aller anderen Tugenden. Die Consideratio, die eingehende Besinnung, muss, was gut zu verstehen ist, bei einem selbst beginnen. In der schonungslosen und schmerzlichen Konfrontation mit allen Mängeln und Grenzen der eigenen Existenz erhofft sie sich eine Reinigung der Herzen, die auch für die Mitwelt öffnen könne. 

Bemerkenswert scheint mir auch die Tugend der „Convivialität“ zu sein. Damit meint sie nicht das Faktum des Zusammenlebens, sondern die Entdeckung, dass Begegnung und Austausch das Teilen der Existenz eine besondere Freude und Erfüllung böten. Sie möchte die Lust am Zusammenleben neu wecken. Freilich seien dafür auch Verzicht und Akzeptanz von unliebsamen Regeln unvermeidlich, die in jeder Gemeinschaft unvermeidlich sind. 

Zum Schluss möchte ich den Blick auf einen weitere Schlüsseltugend im Denken von Pelluchon werfen: Transdeszendenz. Es liegt nahe, dass sie sich an diesem Punkt von ihrem Meister aus dem Mittelalter distanzieren muss. Für den Mystiker war das letzte Ziel die Transzendenz der Seele zu Gott. Aber auch Pelluchon wirbt bei den Zeitgenossen für eine Art Bekehrung. Ausgehen könne diese nur von einer Erfahrung dessen, was sie als das „Inkommensurable“ bezeichnet. Es ist damit gemeint, was uns unsere Grenzen, unser Scheitern unsere Abhängigkeit erfahren lässt. Eben all das, was mit instrumenteller Vernunft nicht bewältigt werden könne. Wenn wir die Erfahrung unserer fragilen Gesundheit, gar die Konfrontation mit dem Tod, der Möglichkeit des Unmöglichen, machen, stießen wir an eine unüberwindliche Grenze, die unsere Persönlichkeit öffnen könne. Der Weg dieser Transdeszendenz soll ein lebhaftes Gefühl der Verbundenheit mit der Welt um uns herum, und besonders den Mitmenschen bewirken. Wenn wir uns gar der Verbundenheit mit den endlosen Generationen vor uns bewusstwürden, dann könnten wir uns als eingewoben in eine globale Schicksalsgemeinschaft erleben. Der Käfig der Vereinzelung, die unerträgliche Abkapselung sind durchbrochen! 

2.6 Schluss

Ich befürchte, dass mir nun entgegengehalten wird, dass diese wohlklingenden und wohlfeilen Ausführungen doch sehr betulich und dürftig angesichts einer dramatischen und bedrohlichen Lage erscheinen?

Was soll ich dem entgegenhalten? Die Philosophin geht das Problem eben von der Wurzel an. Wenn man die tiefste Ursache in einer mentalen Krise, der Art und Weise, wie wir uns in der Welt betrachten, sieht, dann kann der Lösungsversuch auch nur hier ansetzen. Pelluchon sagt in aller Klarheit, dass eine mentale, eine geistig-moralische Revolution nicht von oben dekretiert werden kann. Weder von Staatsmännern noch Wissenschaftlern erwartet sie eine Wende. Das Neue entspringt unscheinbaren Keimen und könne dennoch die Welt bewegen!

 

3. Diskussion (Protokoll Karl Schneiderhan)

Abkürzungen: CP (Corine Pelluchon), MK (Meinrad Kreuzberger)

Im Verlaufe der Diskussion werden insbesondere folgende Fragen, Aspekte und Bewertungen zu den Thesen von C. P. angesprochen:

 

4. Abschluss

Mit dem Dank an Meinrad Kreuzberger für den engagierten Impuls sowie an die Teilnehmenden für die inspirierenden Beiträge beschließt Karlheinz Rauch die Veranstaltung.

Karl Schneiderhan informiert noch über das Thema des nächsten Gesprächskreises am 30.03.2026. Es geht dabei um die Auswertung der Landtagswahl Baden-Württemberg. Ein Schwerpunkt wird der Blick auf die lokalen Wahlergebnisse sein, u. a. Landkreis Tübingen sowie die Städte Rottenburg und Tübingen.

 

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